Wem gehört die Mommsen- straße?

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So könnte die Mommsenstraße nach dem Entwurf von Sebastian Pietzsch aussehen.

»Street science« – Wem gehört die Mommsenstraße?
Ein Semesterprojekt der künftigen Landschaftsarchitekten

Dass der »Motorisierte Individualverkehr« pro beförderter Person im Stadtraum mit zirka 100 m² den weitaus größten Flächenbedarf hat, ist auch in der Mommsenstraße gut ablesbar. Dabei vereint die Mommsenstraße wesentliche zentrale Funktionen des Universitäts-Campus. Das Rektorat, die Alte Mensa, der Infopoint und die Universitätsverwaltung haben hier ihren Sitz. Hier werden Gäste, Wissenschaftler und Studierende aus der ganzen Welt empfangen.

Die  Mommsenstraße wird nicht nur vom Kfz-Verkehr, sondern auch von Fahrrädern und von Fußgängern stark frequentiert. Heute liegt die Dominanz der Straßenraumgestaltung jedoch deutlich beim Kfz-Verkehr. Wie gerecht ist jedoch diese Verteilung der unterschiedlichen Verkehre im Straßenraum und wie angemessen ist sie im Hinblick auf die Summe der Funktionen, die die Mommsenstraße übernimmt?

Wem also soll die Mommsenstraße in Zukunft »gehören«? Diese Fragen zu beantworten sollte unter anderem Ziel des Semesterprojekts sein. Angesichts der aktuellen Diskussion um die Verkehrsraum-Gestaltung des Universitätscampus, um die Einführung eines »Jobtickets« oder die Frage nach einer Neustrukturierung von PKW-Stellplätzen und der verschiedenen Verkehre innerhalb des Campus der Technischen Universität Dresden haben die Studierenden im  Semesterprojekt, unter Annahme einer Kfz-Verkehrsreduzierung (beispielsweise über eine schwerpunktmäßige Verlagerung der Verkehrsführung über die Nöthnitzer-Str. und eine Vermeidung von Durchgangsverkehr in der Mommsenstraße) eine Straßenraumgestaltung entwickelt, die einerseits die repräsentative Funktion und die Aufenthaltsqualität stärkt, aber auch die Verkehrsfunktionen integriert und sich mit dem Fahrradverkehr und Fragen der barrierefreien
Gestaltung auseinandersetzt.

Die Studierenden (Studiengang Landschaftsarchitektur) im Semesterprojekt waren: Jenny  Gebauer, Benjamin Hähnel, Sarah Hörnig, Sebastian Pietzsch, Anne Sieber und Lina Tautorat.

Nachfolgend einige Erläuterungen zu den exemplarisch ausgewählten Arbeiten von Sebastian Pietzsch sowie Jenny Gebauer und Lina Tautorat:

Sebastian Pietzsch möchte die Mommsenstraße den angegliederten Gebäudenutzungen entsprechend hervorgehoben gestalten. Die Verkehrsführung wird im Zweirichtungsverkehr beibehalten, jedoch mit auf das notwendige Maß verkleinerter Fahrbahnbreite. Daraus ergibt sich
die Möglichkeit der promenadenartigen Gestaltung der Mommsenstraße mit aufgeweiteten Kreuzungsplätzen. Durch diese fußgängerfreundliche Gestaltung wird die Mommsenstraße als Parksuch- und Durchfahrtsstraße unattraktiv und der motorisierte Individualverkehr auf Quell- und Zielverkehre minimiert.

Aus der Verkehrsanalyse und dem daraus abgeleiteten Verkehrskonzept wurde das Entwurfsthema der Kreuzungsplätze entwickelt. An diesen Stellen führt die Fahrbahn auf das Niveau des Fußgängers und auf dessen Belag (Granitplatten, 30x30cm, grau). Die dunklen Granitborde durchlaufen die Kreuzungen und geben dadurch eine Orientierung für den  Straßenverlauf. Die zwischen den Kreuzungen liegenden Straßenbereiche werden aus gesägtem, hellem Großsteinpflaster hergestellt und verzahnen sich auf diese Weise nach dem Shared-Space-Prinzip optisch mit den Fußgängerbereichen.

Durch die schmalere Fahrbahnbreite ergibt sich die Möglichkeit, den Gehbereich besonders zu betonen. In den mit grauen Granitplatten belegten Gehweg wird ein Band aus dunklen, großformatigen Granitplatten gelegt. Darauf werden sämtliche Ausstattungen konzentriert: sitzen, Fahrrad parken, kurzzeitparken, Bäume pflanzen, Müll wegbringen, beleuchten und repräsentieren.

Die Mommsenstraße kann auch eine Repräsentationsfläche für die TU Dresden sein. Auf einzelnen Wissenssteinen werden einerseits geschichtliche Fakten und andererseits Persönlichkeiten oder Informationen zu Fakultäten der TU Dresden präsentiert. Dadurch wird aus einem reinen Funktionsstreifen das Wissensband. Gefasst wird das Band mit Mosaiksteinstreifen, welche gleichzeitig als Blindenleitstreifen dienen.

Typisch für den Campus der TU Dresden sind die grünen Vorzonen der Gebäude. Meist als Rasenfläche ausgebildet entwickelt sich das Thema auf dem Campus eher zurückhaltend. An der Mommsenstraße sollen sich die Vorgartenbereiche stärker in ihrer Individualität entwickeln. Dabei wird versucht, den Bezug zum Gebäude herauszuarbeiten.

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Entwurf und Materialplan von Jenny Gebauer und Lina Tautorat.

Jenny Gebauer und Lina Tautorat schlagen vor, die bestehende klassische Straßengliederung im östlichen Bereich beizubehalten, an wichtigen Knotenpunkten so zu verändern, dass der Autoverkehr entschleunigt wird und die Begegnung aller Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt möglich ist.

Durch die Analyse haben sich Knotenpunkte im Bereich Fritz-Foerster-Bau/Studenteninformation und vor der Alten Mensa herauskristallisiert.

Vor dem Fritz-Foerster-Bau wird ein platzartiger Bereich auf Gehwegebene geschaffen, der den Straßenverlauf auf 20 m unterbricht. Dieser Bereich ist wie die Gehwege gepflastert und verbindet die beiden Straßenseiten. Der Autofahrer soll durch die fußgängerfreundliche Ausbildung dieses Bereiches zu erhöhter Aufmerksamkeit gezwungen werden und dem Fußgänger dadurch die Straßenquerung erleichtern.

Der Bereich vor der Alten Mensa hat sich durch die hohe Fußgängerfrequentierung in der Analyse als besonderer Knotenpunkt herausgestellt. An dieser Stelle wird das Konzept der Verlangsamung des fahrenden Verkehrs zu Gunsten des Fußgängers auf einen großflächigen Bereich angewendet.

Das Gebiet zwischen der Einmündung der Dülferstraße und der Helmholtzstraße wird in Anlehnung an das Shared Space Prinzip gestaltet: Es existiert kein vorgegebener Fahrbereich, alle Verkehrsteilnehmer befinden sich auf einer Ebene. Dadurch entsteht eine platzartige Zone, deren Einheitlichkeit von dem durchgehenden Pflastermuster gestärkt wird. Durch das unregelmäßige Vorspringen von Bäumen und Einbauten können Autos nicht geradlinig durchfahren. Es ist möglich, den Platzbereich vor der Alten Mensa in beide Richtungen mit dem PKW zu befahren, die lichte Breite beträgt an den schmalsten Stellen 7 m. Durch den Zwang zur langsameren Durchquerung dieses Bereiches soll erreicht werden, dass weniger Autos diese Zone befahren und stattdessen den schnelleren Weg über die Nöthnitzer Straße und Helmholtzstraße nutzen. Die Mommsenstraße soll vom Durchgangsverkehr entlastet und hauptsächlich von Anliegerverkehr befahren werden. Durch die platzartige Gestaltung des Bereiches vor der Alten Mensa besteht auch die Möglichkeit, diesen Bereich für Veranstaltungen zu nutzen. Angrenzend an die Mommsenstraße befinden sich verschiedene Universitätsgebäude. Durch die Schaffung von platzartigen Bereichen vor jedem Eingang wird eine Verbindung von Gebäuden und Straße erreicht und gleichzeitig Raum zum Aufenthalt gegeben.

Prof. Irene Lohaus, Sebastian Exner
Die Autoren des Artikels waren auch Betreuer des Projektes.

Der Beitrag erschien im Dresdner Universitätsjournal 16/2011, S. 3.

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